20. Mai

Die Zauberformel hat nicht gewirkt

Spanische Amtsschimmel sind im Umgang mit den Bürgern kaum in Zaum zu halten - die Kontakte übertreffen die kühnste Fantasie

Hurra, die Diktatur ist zurück!

Für mich besteht seit dem ominösen Einschreiben aus der Vorwoche kein Zweifel. Absender war das »Instituto Nacional de Estadística«, das Nationale Statistikinstitut, Zweigstelle Valencia. Als ich sah, was ich in Händen hielt, verschlug es mir glattweg die Sprache.

Nein, es war nicht der achtzehnseitige Fragebogen mit einer »Umfrage zum Gebrauch von Informationstechnologien und zum elektronischen Handel von Firmen«, der im Umschlag steckte. Es war das Anschreiben mit der Unterschrift eines sogenannten »Provinzdelegierten«, einer jener Hinterstübler also, denen man nie persönlich begegnen wird (und möchte), weil sie sich fernab vom Publikumsverkehr in ihren Löchern verschanzen. Ein bleiches, übel riechendes Nachtschattengewächs. Ein chronischer Kissenpuper. Eine gemeine Ratte, bereit, die per Zufallsgenerator Kontaktierten mit einem Rattenschwanz an Belehrungen und Konsequenzen zu beglücken.

Ich las: »Ihnen wird eine unaufschiebbare Frist von fünfzehn Tagen gesetzt, diesen Fragebogen zu beantworten und an die Adresse auf dem beigelegten Rückumschlag zu senden.«

»Es wird Ihnen mitgeteilt, dass Sie die Pflicht haben, diese Daten in einer exakten, kompletten und wahrheitsgemäßen Form anzugeben.«

»Geben Sie diese Daten nicht an, bedeutet dies eine strafbare Verwaltungshandlung, die, abhängig von ihrer Schwere, mit einer Verwaltungsstrafe geahndet wird. Die jeweiligen Summen entnehmen Sie dem unteren Teil dieses Schreibens.«

Das war kein Scherz und kein Satireprogramm. Das war Spanien live im 21. Jahrhundert.

Mein Blick wanderte zum unteren Teil des Blattes, in dem die wahren Niederungen zu Tage traten. Für das Kleingedruckte brauchte ich fast eine Lupe, Zeilen und Zahlen wälzten sich ungelenk über das Papier. Ich entzifferte, dass es als »schwere strafbare Verwaltungshandlung« galt, den Fragebogen »nicht oder verspätet« zurückzusenden. Strafmaß: zwischen 300,52 Euro und 3.005,06 Euro.

Käme es jemandem in den Sinn, »sich notorisch zu weigern« oder »falsche Entschuldigungen« ins Feld zu führen, um sich aus der Pflicht zu stehlen, käme dies einer »sehr schweren strafbaren Verwaltungshandlung« gleich. Dafür sieht der Bußgeldkatalog zwischen 3.005,07 Euro und 30.050,61 Euro vor.

Hier werden die Maximalstrafen schwarz auf weiß angedroht
© Andreas Drouve

Bevor ich darüber nachsinnen konnte, ob dies steuerlich absetzbar oder bei Nichtzahlung eventuell durch eine Gefängnisstrafe zu tauschen wäre, stachen mir neuerlich die Summen ins Auge. Komma nullsieben, Komma einundsechzig - warum? Und warum wurde ich unter »Firma« geführt? Und warum musste gerade auf mich, der sonst nie im Lotto gewinnt, das große Los fallen ...?

Jesús, mein spanischer Schwiegervater, hatte es vor Jahren einmal gezogen und sich per kurzem Telefonat mit dem Sachbearbeiter des Nationalen Statistikinstituts aus der Affäre gewunden. »Sonst ist man jedes Jahr dran«, erklärte mir Jesús. Der schwiegerväterliche Rat lautete, mit einem Anruf die Stirn zu bieten und zu versuchen, die Zauberformel wirken zu lassen: »Sag' dem Beamten, dass du keine richtige Firma führst, sondern selbstständig tätig bist. Sag' ihm, dass du den Fragebogen liebend gerne ausfüllen würdest, doch befürchtest, ihm durch deine Antworten deutlich mehr Arbeit zu verursachen. Wenn als Beamter jemand ›mehr Arbeit‹ hört, winkt er meistens ab.«

Heute morgen habe ich das Nationale Statistikinstitut kontaktiert - und, wie ich vorausschicken möchte, Pech gehabt. Nach längerer Wartezeit kam tatsächlich der Zuständige an den Apparat, wobei es sich um den Typus des vollreifen Wadenbeißers zu handeln schien, der schon psychologischen Beistand braucht, wenn er sein Spiegelbild sieht und den Aggressionsstau an anderen ablässt. So einer, der beim Mister-Spanien-Wettbewerb nicht einmal eine Chance gegen einen Grottenolm hätte. So einer, der in den Intervallen zwischen Ferienzeiten und Krankschreibungen im Handbuch »Wie ich mir als Beamter erfolgreich ein Feindbild verschaffe« blättert, falls er während der Arbeitszeit nicht gerade mit der Zeitung auf dem Klo sitzt. Kurzum: Er bestand auf der Ausfüllung des Bogens. Dass ich weder einen herkömmlichen Firmenbetrieb noch ein Ladenlokal mit Angestellten führe, interessierte ihn nicht. Und er war resistent gegen meines Schwiegervaters Tipp für den letzten Psycho-Kunstgriff, mit dem ich deutlich machte, dass meine Antworten wahrscheinlich die Allgemeindaten verzerren würden. Es war alles umsonst, es gab kein Entrinnen ...

Nun bin ich dabei, den Bogen gewissenhaft auszufüllen.

»Wieviele Angestellte beschäftigt Ihre Firma?«

Null.

»Wieviele Angestellte sind davon vollzeitbeschäftigt?«

Null.

»Wieviele Güter und Dienstleistungen haben Sie im letzten Jahr von außerhalb bezogen?«

Null Ahnung. Besser: Null.

»Über wieviele Computer verfügt Ihre Firma?«

Einen.

»Geben Sie in Prozent - ausgehend vom Gesamtpersonal - an, wieviele Leute in Ihrer Firma mindestens einmal wöchentlich einen Computer benutzen.«

100 Prozent.

»Geben Sie in Prozent - ausgehend vom Gesamtpersonal - an, wieviele Leute in Ihrer Firma mindestens einmal wöchentlich das Internet nutzen.«

Ebenfalls 100 Prozent.

»Benutzt Ihre Firma Apache, Cherokee oder Ruby on Rails?«

Was habe ich mit Indianern zu tun? Ist Ruby on Rails auch ein Indianerstamm? Ich kreuze vorsorglich »Nein« an.

»Haben Ihre Angestellten elektronischen Zugang zu persönlicher Information der Abteilung Humanressourcen?«

Ich bin meine eigene Humanressource, meine eigene Ich-AG. Und ich habe keine Angestellten, schreibe ich wahrheitsgetreu nieder, was den Auswerter verstören wird. Es standen nur Kästchen mit »Ja« oder »Nein« zur Wahl.

»Tritt Ihre Firma per Internet mit der öffentlichen Verwaltung in Kontakt?«

Mit der öffentlichen Verwaltung möchte ich weder per Internet noch sonstwie in Kontakt treten, denke ich, und kreuze »Nein« an.

»Wie ist Ihr Grad der Zufriedenheit bei Kontakten mit der öffentlichen Verwaltung?«

Generell miserabel. Das war in Deutschland schon so. Aber es geht hier wohl um elektronische Kontakte. Zum Glück steht am Ende der Reihe das Kästchen »Findet keine Anwendung.«

Ebensowenig Anwendung finden die nächsten Seiten und Unterpunkte über elektronischen Handel und Onlineverkäufe durch »meine Firma«. Kreuz um Kreuz kämpfe ich mich mit »Neins« bis zum letzten Blatt vor, auf dem das Thema Umwelt in geschwollenem Spanisch für Fortgeschrittene zur Sprache kommt.

Ob die Firma virtuelle Meetings organisiert, um damit »physische Verlagerungen von Personen« zu vermeiden, will man wissen. Ob die Firma technologische Anwendungen installiert hat, um den Energiekonsum zu reduzieren. Und ob eine Firmenpolitik verfolgt wird, ist allen Ernstes zu lesen, den Verbrauch von Papier zu reduzieren.

Nein, in »meiner Firma« nicht, aber ich könnte dem Nationalen Statistikinstitut dahingehend einen sehr, sehr guten Rat geben ...


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